SPIEGELMARSCH

"Als ich am Freitag den Spiegelmarsch in der Dresdner Altstadt verfolgte, habe ich ganz unterschiedliche Reaktionen erlebt: Autofahrer schauten eher irritiert und besorgt, was jetzt schon wieder in Dresden los sei. Viele Passanten hatten die ja durchaus nicht ganz falsche Idee, dass ihnen hier jemand den Spiegel vorhalten wolle. Kinder versuchten zaghaft mitzumarschieren. Dann wurde ihnen aber offensichtlich etwas mulmig und sie hielten lieber wieder einen gewissen Sicherheitsabstand. Ein junger Mann verkündete abgeklärt: „Was kann das schon sein? Kunst! Was sonst!“
Wer den ganzen Spiegelmarsch mitverfolgt hat, erlebte aber noch viel mehr: nämlich eine komplexe Zeitreise durch die Art und Weise, in der sich Menschen formieren, wie sie ein Stück ihrer Individualität aufgeben, um als Formation eine höhere Wirksamkeit zu erreichen. Während das Marschglockenspiel Motive von „Preußens Gloria“ bis zu „Die Gedanken sind frei“ aufgreift, zum Teil regelrecht zerlegt, auflöst – tänzelnd führt oder manchmal nur dumpf drohend den Marschrhytmus vorgibt – erweckt der Zug die unterschiedlichsten Assoziationen: Schützenvereine, Karneval, politische Demonstrationen, militärische Kampfformationen, Siegesparaden, ornamentale Masseninszenierungen, wie sie Diktatoren schätzen, Protestmärsche, Geistermärsche, fantasievolle Aktionen und Schwarzer Block.
Manche von Ihnen waren vielleicht bei der Eröffnung von Manaf Halbounis „Monument“ auf dem Neumarkt. Da standen 60-80 ziemlich gut eingespielte Volksverräter-Rufer einer durchaus größeren Menge an Befürwortern der Installation gegenüber. Wir Befürworter waren alle erstmal etwas wütend-hilflos, wie wir die Eröffnungsredner unterstützen könnten, was wir den Störern entgegensetzen sollten. Aber Dank Christiane Mennicke-Schwarz, die unbeirrt bei minus drei Grad eine kluge, gut 10-seitige Rede gehalten hat, haben dann doch nach und nach auch wir verstörten Bildungsbürger uns durch rhythmisches Klatschen, Bravo-Rufe und Herzsymbole formiert, haben unserer Haltung nach außen Ausdruck verliehen. Nur war ein großer Teil der Presse inzwischen längst wieder weg.

Diese Zwiespältigkeit, die Chancen und Untiefen, denen man begegnet, wenn Menschen sich formieren, sich zu einer Formation zusammenschließen oder zusammengeschlossen werden, lotet Svea Duwes Spiegelmarsch in einer Weise aus, die einfach spannend ist.

 


 

 

 




 

Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr hat den Spiegelmarsch unterstützt, in dem es verschiedene seiner Räumlichkeiten und das Freigelände Svea Duwe und ihren Performern für ihre Proben zur Verfügung gestellt hat. Diese Unterstützung war alles andere als uneigennützig. Ganz im Gegenteil. Svea Duwes Spiegelmarsch-Performance setzt genau da an, wo es interessant wird, wenn man sich, wie das Militärhistorische Museum, mit einer Kulturgeschichte der Gewalt beschäftigt, die Militär und Zivilgesellschaft gleichermaßen einschließt.

In unserer Dauerausstellung, im Libeskind-Keil, gibt es einen eigenen Bereich, der „Formation der Körper“ heißt und sich mit Aspekten beschäftigt, die auch für Svea Duwes Spiegelmarsch wichtig sind. Wie machen Armeen in verschiedenen Jahrhunderten aus widerspenstigen, zerzauselten kleinen Individuen mehr oder weniger perfekt funktionierende Elemente machtvoller Kampfformation oder glanzvoller Paraden? Wie bringt man Menschen dazu, natürliche Angstreaktionen und Meideverhalten zu überwinden und sich einzureihen? Dinge zu tun, die sie als Einzelne nie wagen würden? Wie wird aus einer Masse eine zielgerichtete Formation? 

Bestimmte Elemente findet man bei der Bildung von Formationen immer wieder: Marschmusik oder auch nur Trommelschläge synchronisieren die Bewegungen der einzelnen Beteiligten. Sie helfen aber auch dabei, länger durchzuhalten. Sie können mitreißen, begeistern oder eine Art Trancezustand erzeugen. Fahnen dienten früher der Orientierung auf dem Schlachtfeld, sie führten aber auch ein Eigenleben als Identifikationspunkte. Blutjunge Fahnenjunker starben lieber als die Truppenfahne in den Schlamm sinken zu lassen. Zerschlissene Truppenfahnen wurden von ihren Einheiten immer wieder liebevoll ausgebessert. Und wenn nichts mehr ging, wurden sie nicht einfach entsorgt, sondern beerdigt.  

Solche Symbolgeschichten schwingen mit bei der Spiegelmarsch-Performance, aber sie werden transformiert, verlieren ihre Eindeutigkeit. Die Fahnenträger halten nicht nur im wahren Sinne des Wortes die Fahne hoch, also bekennen sich zu etwas, - sie vermummen sich gleichzeitig mit dem Fahnenende, - was Assoziationen von Ku-Klux-Klan bis Burkha wachruft. Es war nicht geplant, aber auch kein Zufall, dass bei den Proben am Militärhistorischen Museum trotz aller Vorankündigungen und Absprachen unsere Wachleute in helle Aufregung gerieten, als die Fahnenträgerinnen auf dem Freigelände erschienen. Vielmehr zeigt es, wie klug und punktgenau Svea Duwe Symbole und die damit verbundenen Provokationen bei ihrer Performance einsetzt und damit bestimmte Verhaltensmuster sichtbar macht.

An einer zentralen Stelle der Performance auf dem Theaterplatz werden die Fahnen sogar zu Waffen, zu Spießen, die sich gegen die anderen Performerinnen und Performer richten. Die Militärhistorikerin in mir fühlte sich an frühneuzeitliche Kampfformationen erinnert, an Gewalthaufen und Pikiniere.

Ich bin von Kolleginnen und Kollegen öfter gefragt worden, was es denn zu bedeuten habe, dass die Fahnen rot-blau sind. Nun muss man ja nicht lange rätseln, welchen weiten Erinnerungsraum rote Fahnen öffnen, aber in Kombination mit Blau? Vielleicht die AFD? Aber ganz dasselbe Blau ist es doch nicht? Gerade diese uneindeutige Kombination verhindert zu schnelle Schlüsse, zu schnelle Zuschreibungen und Einordnungen. Denn was Svea Duwe betreibt, ist keine einfache Reaktion auf aktuelle Demonstrationskulturen oder ein eher historischer Abriss. Sie tut etwas, was ich als künstlerische Grundlagenforschung bezeichnen möchte.

Die Spiegel sind nicht weniger irritierend als die Fahnen. Es bleibt keineswegs dabei, anderen den Spiegel vorzuhalten. Optisch werden die Vorbeigehenden vielmehr in die Marschformation eingereiht, ob sie wollen oder nicht. Manchmal wirken die Spiegel wie Schilde, die ihre Träger schützen, wie die Schutzschilde von Polizisten oder römischen Legionären. Dann wieder sind es die Spiegel, die nicht nur die eigene Formation aufbrechen, sondern den Stadtraum fragmentieren und neu zusammensetzen. Wenn der Himmel in den abgelegten Spiegeln leuchtet, wenn die Lichtreflexe der Spiegel über die Gebäude der Altstadt gleiten, wenn eine vorbeifahrende Straßenbahn zu einer gelben Farbexplosion wird, wenn die Träger die Spiegel weit schwenken und eine ganze Straße zu wirbeln beginnt, dann spürt man, wie sehr diese Performance als Skulptur gedacht ist – und dass sie nicht nur klug choreografiert, sondern auch wunderschön ist."

Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung „Svea Duwe: Grenzen als Freiheit der Andersdenkenden“ am 26. März, 18:00 Uhr (Performance Spiegelmarsch am 24. und 26. März , Ausstellung zur Performance vom 27. März – 23. April 2017) Katja Protte, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden  



 
 

Vom 26. März bis 23. April wird die Installation in der Ausstellung "Grenzen als Freiheit der Andersdenkenden" im Kunsthaus Dresden gezeigt

Herzlichen Dank an die Performer:
SpiegelträgerInnen: Pauline Bonikowski, Silvio Colditz, Simone Antonia Deutsch, Yvonne Dick, Stefanie Kästner, Anja Kaufhold, Julia Keller, Stefanie Köhler, Susa Luis, Farina Maletz, Steffen Melcher, Iris Meusemann, Jacqueline Muth, Lisa Nickolaus, Silke Persicke, Michelle Pfeifer, Kristina Pohlemann, Daniela Wolf, Joyce Schmiedel, Claudia Schuster, Lisa Tostmann, Marius Wecker, Magdalena Weniger, Theresa Wenzel, Josi Wirthgen, Yves Zirke
Fahnenträgerinnen: Julia Amme, Jenny Hoffmann, Sylvia Kittel, Stella Pintaske
Marschglockenspielerin: Elisabeth Rosenthal, Komposition: André Obermüller 



 

 
 

Pictures: René Zieger