LIEBE. WAHR. JETZT - eine szenische Video-Installation für zwei Schauspielerinnen

mit Julia Amme und Karolina Petrova, ca. 90 Min
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uraufgeführt am 10.01.2014 im Societaetstheater Dresden

Zwei Schauspielerinnen richten ihre Handlungen auf eine Videoinstallation aus, die wie ein Spiegel funktioniert aber das Setting auch um einen gemeinsamen Handlungsraum erweitert. Die Genregrenzen von bildender Kunst, Theater und Film werden dabei produktiv überschritten. LIEBE. WAHR. JETZT beleuchtet die ambivalente Gefühlswelt zweier Frauen, die heute durch Selbstreflexion, Wahlfreiheit und Selbstoptimierung hervorgebracht wird und fragt nach aufrichtigen Formen der Liebe.

Die erfolgreiche Rechtsanwältin Katharina und die Fotojournalistin Riva diskutieren über die Liebe, über Aufrichtigkeit und Entwicklung und bewegen sich zugleich in der Isolation ihre perfektionistischen Lebenskonzepte. Dabei versuchen sie in permanenter Selbstreflexion ihrem Bild von sich gerecht zu werden und verlieren dabei die Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Realen.

In dieser szenischen Video-Installation agieren die Schauspielerinnen in räumlich begrenzten Arealen, die durch den Fokus einer jeweils auf sie gerichteten Kamera bestimmt sind. Diese Kameras sind mit zwei Projektoren direkt verbunden. Ihre Aufnahmen werden von hinten, seitenverkehrt, auf eine Projektionsfläche übertragen. Diese Rückprojektionsleinwand hängt zwischen den zwei Handlungsräumen, nah vor dem Publikum. Die zwei projizierten Direktübertragungen überschneiden sich auf der Leinwand in der Mitte. So wird ein virtueller gemeinsamer Handlungsraum erzeugt.

Der Zuschauer sieht zugleich die tatsächliche theatrale Handlung und das entstehende Video. Da die theatralen Handlungen auf das entstehende Videobild ausgerichtet sind, werden sie mitunter zu abstrakten Gesten, deren Sinn sich erst im Videobild erschliesst. Die Schauspielerinnen spielen im theatralen Raum ihr seitenverkehrtes Abbild im Video. Diese Umwandlung wird machmal in der suchenden Anmutung ihrer Handlungen erfahrbar. So wird die Entfremdung vom Realen für ein Leben in der Virtualität inszeniert.

Das Medium Film erweitert die Möglichkeiten der Bilddramaturgie. Durch ein Agieren sehr nah an der Kamera kann eine starke Intimität erzeugt werden. Der Zuschauer sieht jede Regung im Gesicht der Schauspielerin. Bei LIEBE. WAHR. JETZT sieht er daneben zugleich die Schauspielerin, wie sie nah vor der Kamera steht. Eine vergleichsweise technisch distanzierte Situation.


Foto: Ralf Nowak

Die Schauspielerinnen nehmen die Kameras auch mit in ihre Handlungsräume und führen das Auge des Betrachters in Großaufnahme über Details innerhalb ihrer Aktionsräume. Die auf diese Weise von den zwei Seiten hervorgebrachten Bilder werden auf der Leinwand miteinander in ein rhythmisches und ästhetisches Verhältnis gebracht. Die Inszenierung wird auf diese Weise durch eine poetische Bildwelt erweitert.



Es wurden bewußt keine Sound- oder Lichteffekte eingesetzt. Das, was zu hören und zu sehen ist, soll sich aus dem Spiel heraus ergeben. Die Gestaltung der Bühne hat ihren Ursprung in den räumlichen Gegebenheiten der Spielstätte und der frühzeitig im Voraus gefallenen Entscheidung, die Inszenierung auf der Zuschauertribüne stattfinden zu lassen. Der Uraufführung von LIEBE. WAHR. JETZT ist eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit der zwei Schauspielrinnen und mir als bildender Künstlerin voraus gegangen. Auf der Basis meines Settings und der von mir vorgegebenen Charaktere haben wir gemeinsam in einem experimentellen Arbeitsprozeß das Stück entwickelt.


 

LIEBE. WAHR. JETZT wurde gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Stiftung Kunst und Kultur der Ostsächsischen Sparkasse Dresden und der Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.

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....homepage: Julia Amme / Karolina Petrova


 

 

 

Auszug aus der Review von Rico Stehfest vom Kulturmagazin Dresdner am 11.1.2014

»Denk leiser!« - Im Societaetstheater behauptet eine szenische Video-Intallation »Liebe. Wahr. Jetzt«

Zwei Frauen, zwei Welten. Ein Moment, keine Handlung. Es dauert ganze zwanzig Minuten, bis das erste Wort fällt. »Du siehst erschöpft aus.«
In dieser Arbeit von Svea Duwe sitzt das Publikum im Bühnenbereich und schaut ins eigentliche Auditorium. Dort befinden sich die beiden Welten: Die eine bestehend aus unendlichen Stapeln Papier, einem Stuhl, einem Kugelschreiber. Die andere ist ein Meer aus Kleidungsstücken, die bald in einen knallroten Koffer gepackt werden. Aus diesem und mit diesem Koffer lebt die Fotografin (Julia Amme). Erschöpft ist sie vom Fliegen. Oder vom Fliehen? Ein intensives Leben nennt sie es. Die andere Frau (Karolina Petrova) hat beschlossen, dass sie sich ein Kind wünscht. Sie, die sich als alte Schachtel bezeichnet, sucht deshalb im Internet nach dem idealen Mann. Unentspannt, ein Krampf. Die Zeit läuft ihr davon.

Diese beiden Welten existieren parallel, auf der Bühne nebeneinander. Ihre Schnittmenge finden sie dadurch, dass beide Bereiche jeweils von einer Kamera aufgenommen und auf eine Leinwand projiziert werden, die in der Mitte, fast unmittelbar vor dem Publikum hängt. Je nach Position sind die Darstellerinnen durch die Leinwand verdeckt, nicht immer zeigt die Kamera, was sie gerade tun. Da beide Bereiche auf die gleiche Leinwand projiziert werden, ergibt sich mittig eine Überlappung der beiden Bilder. Damit spielt die Regie gekonnt: Sie bringt die beiden Frauen zusammen, obwohl sie es nicht sind. Durch Nahaufnahmen von Kleidungsstücken und Körperteilen entstehen Collagen, die Assoziationsräume ohne Grenzen öffnen.
Der Austausch der beiden Frauen ist dabei kein Dialog im eigentlichen Sinn. Jede Frage, jeder Satz trägt schwer. »Sei mir fremd und nah.« Gibt es ein falsches Leben im richtigen? Gibt es einen mustergültigen Lebensentwurf? Was ist erfolgreiches Leben? Gegen Ende tauschen die beiden Frauen die Welten. Und damit ihre innere Position: der Dialog wird umgedreht. Nichts scheint richtig, nichts falsch. Der letzte Satz lautet: »Wir brauchen den Freiraum, es entstehen zu lassen.«

Diese hochreflexive Arbeit wirkt sehr bei sich selbst angekommen. Die beiden Darstellerinnen agieren ruhig, geradezu sicher. (...)